Einkorn: Steinzeitgetreide – modern wie nie

Einkorn: Steinzeitgetreide – modern wie nie

Das Einkorngetreide steht exemplarisch für den Wechsel vom Nomadentum der Jäger und Sammler, hin zu sesshaften Bauernkulturen. Ein lebendiges Relikt, das mit seinen positiven Eigenschaften im Anbau und für die Ernährung gleichzeitig aktueller ist, dann je. Gefördert und für uns Angebaut vom Förderverein Werkstatt Schenkenbergertal. 

Vom Sammeln…

Vor rund 12'000 Jahren lebten die Menschen im Vorderen Orient überwiegend als Jäger und Sammler. Sie sammelten die Samen wild wachsender Gräser, darunter auch das wilde Einkorn (Triticum boeoticum). Die Körner wurden mit einfachen Steinwerkzeugen geerntet, gemahlen und zu Brei oder Fladen verarbeitet.

Mit dem Ende der letzten Eiszeit, etwa ab 10'000 v. Chr., änderte sich das Klima im sogenannten Fruchtbaren Halbmond (heutige Gebiete in der Türkei, Syrien, Iran und Irak). Die Menschen begannen, sich an bestimmten Orten niederzulassen. Dabei stellten sie fest, dass an Stellen, an denen bei der Ernte Körner auf den Boden gefallen waren, im folgenden Jahr neue Pflanzen wuchsen. Diese Beobachtung führte vermutlich dazu, dass Samen gezielt ausgesät wurden.

… zum Ackerbau

Zunächst handelte es sich nicht um einen Anbau im heutigen Sinne, sondern eher um eine Form der „gelenkten Nutzung“. Die Menschen lockerten den Boden mit Grabstöcken, entfernten Beikräuter und förderten das Wachstum des Einkorns. Über viele Generationen hinweg wurden bevorzugt die Pflanzen geerntet und wieder ausgesät, deren Ähren die Körner länger festhielten und nicht bereits vor der Ernte von selbst ausfielen.

Dieser unbewusste Auswahlprozess führte zur Domestikation des Einkorns. Die kultivierten Pflanzen unterschieden sich schliesslich genetisch von ihren wilden Vorfahren: Die Ähren wurden stabiler, die Körner größer und die Ernte ergiebiger. Damit entstand eine der ersten gezielt angebauten Kulturpflanzen der Menschheit.


So mag eine Getreide-Ernte im Fruchtbaren Halbmond vor 10'000 Jahren ausgesehen haben.

Kulturelle Bedeutung

Der Anbau von Einkorn markiert somit einen entscheidenden Wendepunkt der Menschheitsgeschichte. Die regelmäßige Produktion und Lagerung von Getreide ermöglichten dauerhafte Siedlungen, Bevölkerungswachstum, Arbeitsteilung und letztlich die Entstehung komplexer Gesellschaften. Die Entwicklung des Ackerbaus war nicht das Ergebnis einer plötzlichen Erfindung, sondern ein jahrhundertelanger, schrittweiser Prozess, in dem das Sammeln wilder Pflanzen allmählich in eine bewusste landwirtschaftliche Nutzung überging. 

10'000 Jahre alt – fit für die Zukunft

Nachdem Einkorn über Jahrtausende zu den wichtigsten Getreidearten gehörte, wurde es zunehmend von ertragreicheren Sorten wie Emmer, Dinkel und schliesslich Weizen verdrängt. Im 20. Jahrhundert spielte Einkorn im Erwerbsanbau kaum noch eine Rolle.

Heute erlebt die Getreideart jedoch eine Renaissance. Im ökologischen und nachhaltigen Landbau gewinnt Einkorn an Bedeutung, weil seine Eigenschaften gut zu den Anforderungen einer ressourcenschonenden Landwirtschaft passen. Die Pflanzen sind robust, wurzeln tief und kommen auch auf nährstoffärmeren Böden und in trockeneren Regionen gut zurecht. Aufgrund ihrer natürlichen Konkurrenzkraft gegenüber Beikräutern benötigt die Kultur zudem weniger intensive Pflegemassnahmen.  

Alte Getreidearten wie Einkorn erweitern den genetischen Pool und können wertvolle Eigenschaften wie Anpassungsfähigkeit an Klimaveränderungen und Widerstandskraft gegenüber Umweltstress in landwirtschaftlichen Systemen bewahren.

Fit mit Einkorn 

Auch aus Ernährungssicht wächst das Interesse an Einkorn. Das Korn zeichnet sich durch einen hohen Gehalt an Carotinoiden – insbesondere Lutein –, Mineralstoffen und bestimmten antioxidativ wirksamen Pflanzenstoffen aus. Sein nussig-aromatischer Geschmack macht es für handwerkliche Bäckereien und Hobby-Bäcker attraktiv. Obwohl Einkorn Gluten enthält und daher für Menschen mit Zöliakie ungeeignet ist, schätzen viele Verbraucher die ursprüngliche Getreideart wegen ihrer besonderen Qualität und ihres unverwechselbaren Aromas. 

Und unlängst kam eine umfassende Studie der Uni Hohenheim zum Schluss, dass unter allen weizenartigen Getreiden, Einkorn das geringste allergene Potenzial aufweist. 

So schliesst sich der Kreis: Was vor rund 10'000 Jahren den Übergang des Menschen vom Jäger und Sammler zum Ackerbau ermöglichte, steht heute beispielhaft für eine Landwirtschaft, die Ertrag nicht allein an der Menge misst, sondern auch an Nachhaltigkeit, Artenvielfalt, Bodenfruchtbarkeit und an wertvollen Inhaltsstoffen. Einkorn verbindet damit jahrtausendealte Kulturgeschichte mit den Anforderungen an eine zukunftsfähige Landwirtschaft!


Der Gehalt an Nährstoffen geht beim Einkorn mit tieferen Erträgen einher. Auf schwierigen Böden, die nicht gedüngt werden können, liefert Einkorn im Vergleich zu Weichweizen aber gute Erträge.


Reine Einkornteige sind weich und klebrig. Häufig wird deshalb mit Dinkel gemischt. Teige nicht überkneten!


Einkorn ist nur durch Selektion entstanden, nicht durch Kreuzung. In die andere "Richtung" ist Einkorn ein Urahne von Dinkel und Weizen. 


Im Aargau wird Einkorn u.a. im Schenkenbergertal angebaut. Hier ein Feld beim Schloss Kasteln. 


Rosemarie Gebhard vom Förderverein Werkstatt Schenkenbergertal vermittelt an vielen Anlässen Wissen zum Urgetreide. 

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